Boards on Blockchain
Vom Ökosystem zum Anwendungsfall

Durchführung: Herbst 2017

Ausgangssituation

Dem Thema „Blockchain“ widerfährt ein Hype, der als aktuelles Beispiel der digitalen Transformation die IT-Branche seit einiger Zeit beschäftigt. Die Technologie hat das Potenzial, Geschäftsmodelle, Branchen/Märkte oder sogar Gesellschaften zu verändern. Bestehende Geschäftsmodelle werden auf Einsatzmöglichkeiten der Blockchain-Technologie überprüft und neue Geschäftsmodelle generiert – teilweise zwanghaft, um als „innovativ“ zu gelten, teilweise aber auch pragmatisch mit enormem Nutzenpotenzial.

Mit der zunehmenden Adoption der Blockchain-Technologie wächst die Anzahl neuer Akteure auf dem Markt. Diese erschaffen mit disruptiven Geschäftsmodellen neue Marktmechanismen und -interaktionen zwischen Akteuren und erweitern, ersetzen oder greifen bestehende Geschäftsbeziehungen an. Es ergibt sich ein neues Ökosystem (Business Ecosystem) der Blockchain-Technologie, innerhalb dessen sich Strukturen und Beziehungen zwischen verschiedenen Akteuren aufbauen, das aber – obgleich es noch in einem jungen Stadium ist – zunehmend mit etablierten Ökosystemen interagiert bzw. diese angreift.

Trotz des hohen Potenzials und der rasanten Entwicklungsgeschwindigkeit ist für viele Entscheidungsträger das Thema Blockchain und damit verbundene Akteure nicht greifbar. Die Gefahr ist hierbei, dass Betreiber etablierter Geschäftsmodelle und somit ggf. Vertreter etablierter Ökosysteme dieses Potenzial und damit verbundene Gefahren bzw. Möglichkeiten für das eigene Geschäftsmodell nicht erkennen und somit den Evolutionskampf verlieren.

Strategischer Ansatz

Was wollen wir erreichen?
Wir wollen uns langfristig mit dem Thema Blockchain und seinen Auswirkungen auf Geschäftsmodelle, Wirtschaft und Gesellschaft auseinandersetzen. Wir wollen identifizieren, wer Akteure im Ökosystem Blockchain und wie deren Beziehungen untereinander sind. Dabei ist zu betrachten, warum die Analogie des Ökosystems aus der Biologie hilfreich sein kann, um Zusammenhänge rund um das Thema Blockchain und sich dabei ergebende wirtschaftliche Auswirkungen zu verstehen. Zudem wollen wir unsere Erkenntnisse in greifbaren Showcases darstellen und verständlich machen.

Das GreenLab stellte dabei einen ersten und wichtigen Schritt dar. Wir verfolgten dabei zwei Ziele:

  • Wir wollten einen Nukleus von Akteuren und ggf. deren Beziehungen zueinander im Ökosystem Blockchain anhand eines konkreten Anwendungsfalls identifizieren.
  • Wir wollten einen Anwendungsfall implementieren, in dem ein praxisnahes Geschäftsmodell auf Basis der Blockchain-Technologie in einer IoT-Umgebung umgesetzt wird und dabei wichtige Akteure des Ökosystems für Außenstehende greifbar werden. Zudem wollten wir dabei lernen, was konzeptionelle wie technische Herausforderungen sind, um Blockchain-Ansätze in einer IoT-Umgebung zu implementieren.

Das Greenlab stellt die Grundlage für die weitere Entwicklung unseres konzeptionellen Modells des Ökosystems Blockchain und zur weiteren Entwicklung umfangreicherer Anwendungsfälle dar.

Wie sind wir dabei vorgegangen?
Zunächst galt es, theoretisches Wissen und Grundlagen für die Konzeptentwicklung des Blockchain-Ökosystems durch Literaturstudien zu erlangen. In der Konzeption arbeiteten wir mit Prof. Dr. Sebastian Richter (Studiengangsleiter Wirtschaftsinformatik, DHBw Stuttgart) zusammen, um aktuelle Sichtweisen aus der Forschung mit einzubringen.

Bei der Entwicklung des Anwendungsfalls verfolgten wir den MVP (Minimal Viable Product)-Gedanken, um komplexitätsreduzierend und lösungsorientiert erste Ergebnisse erzielen zu können. Der Anwendungsfall sollte ein selbstfahrender Staubsauger sein, der von einem Meeting-Raum nach beispielsweise jedem fünften Meeting beauftragt wird, diesen zu reinigen. Die Abwicklung sollte hierbei über eine Blockchain laufen. Aspekte wie: Finden, Auswahl und Zuschlag eines Staubsaugers aus mehreren (z.B. über Auktionen) wurden nicht betrachtet. Auch war uns bewusst, dass zur Umsetzung dieses Anwendungsfalls in der Praxis nicht zwingend ein Blockchain-Ansatz notwendig, sondern eine zentrale Koordination über einen Server pragmatischer wäre. Ziel für uns war es allerdings, die technischen Möglichkeiten der Blockchain-Technologie in einem praxisnahen Showcase anzuwenden.

Wie sollte das Ergebnis aussehen?
Im Ergebnis wollten wir die Funktionsweise der Blockchain minimal in der Interaktion zwischen dem Meetingraum und dem Staubsauger aufzeigen. Zudem sollten die zum Betrieb des Geschäftsmodells (Geld gegen Reinigung) notwendigen Akteure und deren Beziehung zueinander deutlich werden. Schließlich sollten die Akteure des Showcase in einem ersten Entwurf des Blockchain-Ökosystems abgebildet werden können.

Umsetzung

Chronologie unseres GreenLabs:
Juli 2017:

  • Festlegung von Zielen, Aufgaben und Verantwortlichkeiten
  • Erarbeitung theoretischer Grundlagen für die konzeptionelle Entwicklung und der technischen Umsetzung
  • Ausarbeitung des Anwendungsfalls mit anschließender Entwicklung der Lösungsarchitektur

August 2017:

  • Abstimmung konzeptioneller Ansätze
  • Erweiterung theoretischer Grundlagen und Erarbeitung einer Vorgehensmethode zur Entwicklung des Ökosystemmodells
  • Beschaffung der technischen Ausstattung
  • Vorbereitung und Einarbeitung in die technische Entwicklungsumgebung (Off-site in München in unserem Digital Workplace)

September 2017:

  • Implementierung des Anwendungsfalls
  • Workshop mit der DHBw Stuttgart zur Entwicklung eines ersten Modells unseres Ökosystems Blockchain (in unserem Digital Workplace)
  • Validierung des Modells mit Cassini-Experten

Oktober 2017:

  • Zusammenfassung und Dokumentation unserer Ergebnisse


Methodik zur Entwicklung des Ökosystem-Modells:

Zunächst wollten wir die Metapher des Ökosystems für die Wirtschaft verstehen. Dazu haben wir eine Literaturanalyse durchgeführt, bis wir wesentliche Quellen der wissenschaftlichen Literatur identifiziert haben (siehe Quellenverzeichnis unten). Auf Basis einer Analogiebildung wurden in einem Workshop relevante Akteure der Blockchain-Technologie für deren Entwicklung, Bereitstellung und Nutzung identifiziert und in einem Modell zusammengefasst. Abschließend wurde das Ökosystemmodell mit Experten und Praxispartnern diskutiert und validiert. Das Modell stellt einen ersten Entwurf da, der fortlaufend zu verfeinern ist.

Methodik zur Implementierung des Anwendungsfalls:
Zunächst wurde der Anwendungsfall textuell beschrieben und ein Architekturmodell entworfen. Anschließend wurden Hard- und Softwarebedarfe identifiziert, beschafft und die Arbeitsumgebung im ersten Offsite eingerichtet. Auf Basis eines Prozessmodells wurde der Abwicklungsprozess auf Blockchain-Technologie implementiert. Im letzten Schritt wurde die IoT-Umgebung (der selbstfahrende Staubsauger) entwickelt und angebunden (siehe Prototyp-Doku BoB als Download-Datei). Die Prototypumgebung basierte im Wesentlichen auf Raspberry Pi, Arduino und dem iRobot Create® 2.

Fazit

Ziel des GreenLabs war es für uns, wichtige Akteure und deren Beziehungen zueinander im Ökosystem Blockchain anhand eines konkreten Anwendungsfalls zu identifizieren und Herausforderungen (konzeptionell wie technisch) kennenzulernen, die dabei bestehen, Blockchain-Ansätze in einer IoT-Umgebung zu implementieren. Insgesamt wollten wir uns dem Thema Blockchain, konzeptionell wie praxisnah nähern.

Im Ergebnis haben wir viel gelernt: Wir haben eine erste Version eines Ökosystem-Modells. Mit diesem können wir jetzt in eine zielgerichtete Diskussion zu dessen Weiterentwicklung einsteigen, um das Verständnis über Akteure, deren Beziehungen und Strategien zu erhöhen. Zudem haben wir viel aus der praktischen Implementierung gelernt: Wir haben einen Prototyp entwickelt, Herausforderungen und derzeitige Grenzen der Technologien kennengelernt. So besteht eine Herausforderung beispielsweise bei Dienstleistungsvereinbarungen derzeit darin, die Gütekriterien der realweltlich erbrachten Dienstleistung im Smart Contract überprüfen zu können.

Das GreenLab war für uns ein wichtiger erster Schritt, in dem wir uns dem Thema Blockchain intensiv näherten. Über das GreenLab hinaus, wollen wir den prototypischen Showcase ausbauen und ggf. um einen weiteren ergänzen. Zudem wollen wir unser gewonnenes Wissen um das Blockchain-Ökosystem mit Experten diskutieren, um Modelle entwickeln und später Handlungsempfehlungen für Kunden ableiten zu können.

Quellenverzeichnis

  • Anggraeni, E., Hartigh, E. Den, & Zegveld, M. (2007). Business ecosystem as a perspective for studying the relations between firms and their business networks. In ECCON 2007 Annual Meeting Proceedings (pp. 1–28). Delft: Delft University of Technology Press.
  • Heikkilä, M., & Kuivaniemi, L. (2012). Ecosystem Under Construction: An Action Research Study on Entrepreneurship in a Business Ecosystem. Technology Innovation Management Review, (June), 18–24.
  • Iansiti, M., & Levien, R. (2004). Strategy as Ecology. Harvard Business Review, 82(3).
  • Moore, J. F. (1993). Predators and prey: a new ecology of competition. Harvard Business Review, 71(3), 75–86.
  • Peltoniemi, M. (2006). Preliminary theoretical framework for the study of business ecosystems. Emergence: Complexity & Organization, 8(1), 10–19.
  • Peltoniemi, M., & Vuori, E. (2008). Business ecosystem as the new approach to complex adaptive business environments. In Proceedings of EBusiness Research Forum (pp. 267–281).